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Verlauf der MS

Eine Krankheit mit 2 Aspekten

Wie bereits dargelegt erfolgen entzündliche Attacken auf die Myelinscheiden im Gehirn und Rückenmark, die aber in aller Regel völlig unbemerkt ablaufen.

Erst wenn eine gewisse „Schadensmenge“ überschritten wird oder ein Entzündungsherd sich in einem funktionell wichtigen Gebiet des Gehirns entwickelt, machen sich auch klinische Symptome bemerkbar. Diese Entzündungsaktivität ist im unteren Teil der Abbildung gelb dargestellt und wie im oberen Teil deutlich wird, tritt ein klinisch bemerkter Krankheitsschub (grün) nur dann auf, wenn die Entzündung eine gewisse Schwelle überschreitet. Dies bedeutet, dass die Krankheit auch dann aktiv ist, wenn sich der Betroffene selber wohl fühlt und nicht akut erkrankt ist. Das ist das eigentlich heimtückische an diese Erkrankung. Obwohl der Betroffene nichts merkt und sich wohl fühlt, schreitet die MS weiter voran.

Von Beginn der Erkrankung erfolgt gleichzeitig mit den entzündlichen Attacken gegen die Myelinscheide ein (entzündlich bedingter) Zelluntergang der Oligodendrozyten, die Zellen, die die Myelinscheide herstellen. Dies schädigt zusätzlich die Myelinscheide und das darin befindliche Axon. Es kommt also durch die beiden gleichzeitig ablaufenden Prozesse zu einem Axonverlust. Dies konnte bei der MS auch in den oberflächlich betrachteten normalen Hirnregionen nachgewiesen werden.

Unklar bleibt, ob dieser Zelluntergang alleine durch die entzündlichen Vorgänge induziert wird oder ob es sich hierbei um einen eigenständigen Prozess handelt. Derzeit vermehren sich Hinweise, die eine entzündliche Induktion nahe legen.
Bei diesem Vorgang handelt es sich nicht um entzündliche Attacken, sondern vielmehr um einen kontinuierlicher Vorgang des Zelluntergangs, der im Verlaufe der Erkrankung immer mehr zunimmt. Neurologen sprechen hier von einem degenerativen Vorgang (in der Abbildung lila dargestellt).

Beide Prozesse, also die entzündlichen Attacken auf die Myelinscheide und der degenerative Untergang der Zellen, die diese Myelinscheide herstellen, sind immer vorhanden, auch dann, wenn sich keine klinische Symptomatik zeigt und können somit zu einer dauerhaften, bleibenden und dann sogar zunehmenden (progredienten) Dauerschädigung (und Behinderung) führen. Zu Beginn der Krankheit überwiegt die entzündliche Aktivität mit Schüben, im späteren Verlauf die langsam progrediente Behinderung als Folge der zunehmenden Degeneration.

Der obere Teil der Abbildung zeigt den häufigsten klinischen Verlauf.

  • Zu Beginn der Krankheit Schübe ("relapsing-remitting form" oder RRMS, linker Teil der Abbildung);
  • Im späteren Verlauf weniger Schübe, die sich (als Folge des bereits bestehenden Axonverlustes) nicht mehr ganz zurückbilden ("Relapsing-Nonremitting MS", mittlerer Teil);
  • Und noch später einen chronischen Verlauf ohne Schübe ("sekundär progrediente form", SPMS, rechter Teil der Abbildung).

Im unteren Anteil der Abbildung ist in Gelb die entzündliche Aktivität an den Myelinscheiden dargestellt, die für die klinisch beobachteten Schübe verantwortlich ist.
In Lila wird der Axonverlust als Folge der Degeneration angezeigt, der für den späteren chronischen Verlauf verantwortlich ist.

Die zwei Gesichter der Multiplen Sklerose



Ein rein schubförmiger Verlauf mit sehr wenigen Schüben (bei der ein Axonverlust vermutlich extrem langsam verläuft, sog. Gutartige oder „benigne“-MS) ist selten und kann in ca. 14 - 20 % aller Fälle nach 30-jährigem Verlauf vorhanden sein. Genau so selten ist ein Verlauf, der ohne das Auftreten von Schüben einhergeht. Hier steht die progrediente Verschlechterung des Befundes und die langsam zunehmende Behinderung vom Anfang der Erkranklung an im Vordergrund. Diese Form nennt sich primär progrediente MS, abgekürzt als PPMS und kommt ebenfalls in ca. 14 - 20 % aller Fälle vor. Bei Männern scheint diese Verlaufsform gehäuft zu sein.

Wie wird die Progredienz im Verlauf gemessen?

Aus dem bisher Gesagten geht hervor, dass die MS im Laufe der Zeit zunehmende Beschwerden und auch Behinderungen hervorrufen kann. Je länger die Krankheit besteht, je höher das Risiko, bleibende Ausfälle zu erleiden.

Wie die Behinderungen nun erfasst werden können, um so auch einen zeitlichen Verlauf dokumentieren zu können, hat der Neurologe Kurtzke, schon im Jahre 1955, die sogenannte "Disability Status Scale (DSS)" publiziert. Er setzte das Fehlen jeglicher Behinderung und jeglicher Abnormität bei der neurologischen Untersuchung mit Null gleich und den Tod in Folge der MS mit 10. Im Laufe der Jahre hat sich aber gezeigt, daß eine 10-teilige Einteilung zu grob ist und es wurden Abstufungen in Halbschritten eingeführt. So hat die "Expanded Disability Status Scale" (EDSS) international seit 1983 Gültigkeit und sorgt auch für eine Vergleichbarkeit der Befunde in internationalen Studien.

Hierbei bedeuten:
 0 = normaler neurologischer Befund, keinerlei Beeinträchtigungen
10 = Tod in Folge der MS.


Die vereinfachte EDSS Skala nach Kurtzke




überarbeitete EDSS nach Kurtzke (© Silke Koslowsky)

Meilensteine in dieser Skala sind vor allem folgende Werte:

  • EDSS 3,0 = Gehfähigkeit erhalten, während der EDSS von 4,0 bereits bedeutet, dass die selbständige Gehstrecke (Strecke, die ohne Hilfsmittel zurück gelegt werden kann) sich auf nur noch 500 m verkürzt hat.
  • EDSS 5,0 = Selbständige Gehstrecke höchstens 200 m, nicht mehr ganztägig arbeitsfähig.
  • EDSS 6,0 = ist für Strecken über 20 m auf die Benutzung eines Rollstuhls angewiesen
  • EDSS 8,0 = vollends auf den Rollstuhl angewiesen, Arme funktionell einsetzbar.

Das heimtückische an dieser EDSS ist, je weiter der Betroffene in seiner Behinderung fortgeschritten ist, umso schneller tritt die Verschlechterung ein. Anders gesagt: Das Voranschreiten von einem EDSS von 4,0 auf 6,0 geht schneller als von 1,0 auf 3,0.

Aus diesem Grund ist das derzeitige Bestreben in der Behandlung der MS, die Betroffenen so früh wie möglich einer verlaufsverlangsamenden Behandlung zuzuführen, um sie so lange wie nur eben möglich bei einem niedrigen EDSS zu stabilisieren.

Wer noch mehr dazu lesen möchte, weitere interessante Beiträge gibt es bereits in unserem Forum / Board, z. B.:


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