|
|
Das Nervensystem und das Immunsystem
Die Krankheitsursachen oder was passiert bei der MS genau?
Die MS gilt als Autoimmunerkrankung, wie z.B. auch die rheumatoide Arthritis. Die Ursache wird also in einem fehlgeleiteten Immunsystem angenommen.
Um die bei der MS vorliegenden krankhaften Veränderungen zu verstehen, muß das normale Funktionieren des Immunsystems verstanden werden.
Normalerweise sorgt unser Immunsystem dafür, dass Eindringlinge im Körper als körperfremd erkannt und entsprechend beseitigt werden müssen. Um überhaupt als körperfremd erkannt zu werden, müssen körpereigene Zellen aber als dem eigenen Körper zugehörig erkannt werden, sonst würden die körpereigenen Zellen attackiert und beseitigt werden. Alle Zellen des menschlichen Körpers tragen zu diesem Zweck auf ihrer Oberfläche eine einheitliche (aber für jeden Menschen unterschiedliche) Eiweißverbindung, die dem Immunsystem signalisiert: "Hallo, hier bin ich, und ich gehöre zu euch!" Diese Verbindung wird als MHC ("Major Histocompabilitäts Complex") abgekürzt. Manche Zellen des Körpers sind nun in der Lage, fremde Stoffe aufzunehmen und diese dann an ihrer Zelloberfläche erkennbar zu machen. Diese Antigen erkennende Zellen tragen also auf ihrer Oberfläche zwei verschiedene Informationen:
- 1: "Hallo, ich gehöre zu euch und bin nicht fremd" und
- 2: "Aber ich habe hier etwas, was ich nicht kenne bzw. erkenne".
Diese Information wird über eine Variante des MHC vermittelt, die deswegen MHC II genannt wird. Die Zellen, die dieses können sind nur ganz bestimmte Zellen im Körper, im Blut sind es die Macrophagen (wörtlich übersetzt: Vielfresser), im Gehirn sind es sogenannte Microgliazellen, Zellen die dem Stützgewebe des Gehirns zugehörig sind. Sie werden APC genannt, eine Abkürzung für "Antigen Presenting Cells".
Bestimmte Immunzellen, die sogenannten T-Lymphozyten und davon eine Untergruppe, die sogenannten "Helferzellen" sind in der Lage, mittels "Empfänger" auch TCR (T-Cell-Rezeptor) genannt, auf ihrer Oberfläche das MHC I und MHC II zu erkennen, und wenn das MHC II etwas potentiell gefährliches vermittelt, werden diese Helferzellen aktiv. Wir sprechen dann von aktivierten T-Lympozyten, die dafür sorgen, dass die Immunreaktion in Gang gesetzt wird. Die Immunreaktion ist dann eine, von den T-Helferzellen induzierte Entzündungsreaktion, wobei die Helferzellen sinngemäß laut um Hilfe schreien. Dabei werden andere Zellen herbei gerufen, die dann den Eindringling gezielt aufspüren (der laut MHC II Informationen, wie in einem Steckbrief "beschrieben" enthält) und außer Gefecht setzt. Das machen andere T-Lymphozyten, die der Gruppe, der "Killerzellen" zugehörig sind, die aber erst durch aktivierte Helferzellen das klare Signal bekommen, tätig zu werden. Gleichzeitig werden weitere Zellen, die sogenannten B-Lymphozyten dazu angehalten, gegen den Eindringling Antikörper zu produzieren. Diese Antikörper sind im Blut meßbar.
Um es ein wenig komplizierter zu machen, sorgen aktivierte Helferzellen gleichzeitig dafür, dass die Immunreaktion auch wieder stoppt, indem sogenannte Supressor-T-Lymphozyten aktiviert werden, die den gesamten Prozeß beenden.
Helfer T-Zellen haben also eine duale Aufgabe. Einerseits sollen sie dafür sorgen, dass die Entzündungsreaktion gestartet wird, sie sind also auf "Angriff" programmiert), andererseits sorgen sie auch dafür, dass die Entzündung eingebremst wird und aufhört, sie sind auf "Schutz" programmiert.
Angriff wird Th1-Aktivität genannt, Schutz dahingegen wird als Th2-Aktivität bezeichnet.
Bei der MS geht man, durch experimentelle Beweise gestützt, davon aus, dass die T-Zellen im Blut durch APC aktiviert werden (siehe Abbildung Kasten A), die in ihrer MHC II Information über früher im Leben durchgemachte Virusinfektionen (z. B. Masern, Röteln und Herpesviren, oder das "Pfeiffersche Drüsenfiebers", verursacht durch den Epstein-Barr Virus) verschlüsselt haben. Auch früher durchgemachte bakterielle Infektionen (z. B. Chlamydien, die auch bei der Arteriosklerose als Mitursache beschuldigt werden) könnten eine Rolle spielen.
Es könnte sich aber auch um eine (genetisch bedingte?) primäre Fehlsteuerung der T-Zellen handeln, die auch ohne eine stattgefundene Entzündung auftritt, entweder könnte diese Fehlsteuerung durch eine zuvor stattgefundene Schädigung der Axonen in Gang gesetzt worden sein, die wiederum rein genetisch bedingt sein könnte, oder sie könnte die Folge eines leichten Schädelhirntrauma´s sein. Vermutlich treffen alle diese Möglichkeiten zu, denn die MS scheint ein Sammelbegriff zu sein für unterschiedliche Erkrankungen, die klinisch und im MRT alle ähnlich aussehen. Jedenfalls steht bei allen diesen Formen der MS diese immunologisch bedingte Entzündung neben einem Axonenuntergang im Vordergrund.
Bei der MS wird davon ausgegangen, dass die MHC II Information ähnliche Informationen enthält, wie sie normalerweise in der Myelinscheide im zentralen Nervensystem vorkommen (Myelinscheide = Nervenhülle).
In Kasten B ist die Antikörperproduktion durch die B-Lymphozyten schematisch dargestellt. Diese wird von den T-Zellen auch angeregt und bei manchen MS-Patienten wurden Antikörper gegen verschiedene Bestandteile der Myelinscheide (wie myelobasisches Protein = MBP) im Blut nachgewiesen. Die Bedeutung davon ist allerdings nicht eindeutig klar.
Aktivierte T-Lymphozyten sind fähig, die sogenannte Bluthirnschranke zu überwinden. Sie können an die Wand der kleinen Blutgefäße im Gehirn und Rückenmark andocken und dank einiger Hilfsstoffe MMP (auch Metallomatrix Proteine genannt) aus dem Gefäßinneren in das Nervenwasser übertreten, dass das Gehirn und Rückenmark umhüllt (siehe Kasten C). Wenn sie dort auf eine APC stoßen, die eine ähnliche Information in ihrem MHC II verschlüsselt hat, wie es bereits zuvor im Blut der Fall war, werden sie "reaktiviert " und setzen außerhalb des Blutes, also nur im Gehirn und Rückenmark eine immunologische Entzündungsreaktion in Gang. Dieser Vorgang ist dann krankheitsbedingend und spielt sich ausschließlich im ZNS (zentalen Nervensystem) ab.
Da die erhaltene (Fehl-) Information auf die Myelinscheide hindeutet, richtet sich die Entzündungsreaktion auch gegen die Myelinscheide, die von den Oligodendrozyten gebildet wird (siehe Abb 3.)
Folge dieser Entzündung ist es, dass die Myelinscheide zu Grunde geht (entzündlich bedingte Demyelinisierung, Kasten D) und als Folge dessen funktionieren die darin enthaltenen Nervenfasern (Axonen) deutlich schlechter. Die Axonen können sogar gänzlich zerstört werden (Kasten E - Axonverlust). Diese Störung der Funktion normaler Axonen und deren Myelinscheide ist letztendlich für die vielfältige Symptomatik der MS verantwortlich.
Das Schema der Pathogenese

Zusammenfassung der
Immunpathologie:
- Aktivierung
der T-Zellen im Blut
- aktivierte
T-Zellen passieren die Bluthirnschranke und dringen in das ZNS ein.
- Im
ZNS wird die T-Zelle reaktiviert und startet eine Immunreaktion, die sich
nur im ZNS abspielt.
- Ziel
dieser immunologisch bedingte Entzündung ist die Nervenhülle und die
Zellen, die diese Bilden.
- Zusätzlich
kommt es zu einem Untergang von Nervenzellen.
Die normale und gestörte Impulsleitung
Die
nachfolgende Abbildung zeigt das Prinzip der Impulsfortleitung im Axon. In einer
nicht isolierten (nicht myelinisierten) Faser kriecht die Impulsfortleitung
langsam voran. Im oberen Teil der Abbildung zeigt sich, wozu eine
Isolationsschicht hilfreich ist. Die Isolationsschicht weist in regelmäßigen
Abständen Einschnürungen auf, sogenannte Ranvier´sche Knoten, wodurch es möglich
wird, die Impulsleitung von Knoten zu Knoten "springen" zu lassen,
dadurch verläuft sie erheblich schneller. Ist die Impulsleitung durch
Demyelinisierung gestört, verläuft sie, wie im unteren Teil dargestellt,
erheblich langsamer als in einer myelinisierten Faser.
Prinzip der Impulsfortleitung im Axon

(aus: F.H. Netter: Farbatlanten der Medizin, Band 5, Thieme Verlag 1987)
Die
letzte Abbildung zeigt den normalen Aufbau einer Nervenbahn im ZNS (Zentralen
Nervensystem). Die Myelinscheide wird durch die in der Nähe liegenden
Oligodendrozyten hergestellt. Bei der MS ist nicht nur eine Schädigung der
Myelinscheide, sondern auch ein Untergang der Oligodendrozyten gefunden worden.
Weil diese Zellen zu Grunde gehen, können die Nervenbahnen nicht immer
wiederhergestellt (remyelinisiert) werden. Daraus können dann bleibende
neurologische Ausfälle resultieren. Dieser Zelluntergang ist teilweise entzündlich
bedingt. Auffällig ist aber auch, dass dieser Zelluntergang an Stellen des
Gehirns passiert, an denen wenig oder keine Entzündung vorhanden ist. Es wird
daher davon ausgegangen, dass ein eigenständiger Krankheitsprozeß, geprägt
von dem Untergang dieser Zellen, neben den entzündlich bedingten Veränderungen
bei der MS, vorliegt und eine Rolle spielt.
Aufbau einer Nervenbahn im ZNS
Wer noch mehr dazu lesen
möchte, weitere interessante Beiträge gibt es bereits in unserem Forum /
Board, z. B.:
|